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 Frici

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BeitragThema: Frici   Do 10 Jul 2008 - 0:51

Über unsere Fellnasen gibt es heitere und traurige Geschichten, die man erzählen kann. Leider gibt es auch grausame Geschehnisse, die man vergessen möchte, die man jedoch niemals mehr los wird. Die Geschehnisse des 2. Dezembers des vergangenen Jahres sind mein Trauma. An diesem Tag starb Frici.

"Es gibt den Tod, der unvermittelt und blitzschnell und erbarmungslos über uns hereinbricht....und es gibt den Tod in kleinen Raten, der ganz langsam wächst und zunehmend düsterer die Welt verdunkelt und kaum endenwollend auf ein Finale hinstrebt..."

Im Juli letzten Jahres war der Tod von Nadia der Anlaß für mich, diese Zeilen niederzuschreiben. Bei unseren vierbeinigen Wegbegleitern war der Tod fast immer das Finale einer Entwicklung von Krankheit, Gebrechen, Schwäche. Das Ende war oftmals traurig und schmerzlich - aber irgendwie vorhersehbar. Einzig der Tod von Boughathsi erscheint mir bis heute gewaltsam, unbegreiflich: Vergiftet durch einen Behandlungsfehler von Ärzten, die wegen ihrer Unerfahrenheit hinsichtlich der Behandlung bestimmter Mittelmeerkrankheiten dieses junge, hoffnungsvolle Leben dahinschenkten. Alle anderen Weggefährten starben im Alter, nach langen Krankheiten, als Folge früher erlittener Mißhandlungen, oftmals durch die gnädige, lebensbeendende Hand des Tierarztes. Ich war immer dabei. Dies war immer meine Pflicht, mein letzter Dienst. Manchmal auch mein Fluch.

Was mit Frici geschah, sprengte meine bisherigen Erfahrungen. Das Geschehen, das sich Anfang Dezember letzten Jahres abspielte, bleibt für mich unbegreiflich. Daher rührt wohl auch meine Sprachlosigkeit. Ein stummes Entsetzen, begleitet von Bildern, die nicht mehr aus dem Kopf hinauswollen. Lange habe ich versucht, dieses Entsetzen zu begreifen oder einen Sinn darin zu sehen.

Ich weiß bis heute nicht einmal genau, was da passierte, warum dies alles geschah. Frici stürzte oder fiel während unserer Tour durch das landwirtschaftliche Umfeld Bremens in einen großen, tiefen, steilen Haupt-Wassergraben, der längs unseres Weges verlief. Ist Frici einfach nur verunglückt, aus Ungeschicklichkeit oder Unachtsamkeit der Böschung zu nahe gekommen, diesen steilen, matschig-glatten Abhang hinabgerutscht, ohne Halt zu finden, durch den Schreck und den Sturz in das eiskalte, trübe Wasser gelähmt, unfähig, sich über dieser Wasseroberfläche zu halten? Oder warf ihn eine vorher erlittene Verletzung, eine Herzattacke oder ein Gehirnschlag um, war der Sturz in den Graben nur das traurige Finale eines Geschehnisses, das sich kurz vorher abgespielt hatte?

Ich musste die Nutzlosigkeit meiner Versuche einsehen, mich hinein zu versetzen in die letzten Momente des Lebens von Frici. Und ich befürchte, daß all das Grübeln nur ein Zeichen von Selbstmitleid sein könnte, eine Ablenkung von dem, was Frici widerfuhr, was ihn aus unserer Gemeinschaft riss. Aber ich begriff, daß ich auf seltsame Weise einen Teil von Fricis Ende nachgelebt hatte.

Als ich gewahr wurde, daß Frici nicht mehr hinter unserer Gruppe zu sehen war, kam mir sofort der Graben in den Sinn, ohne daß dieser für mich von der Stelle, wo ich mich befand, einsehbar gewesen wäre. Ich weiß auch nicht mehr, ob irgendwelche Geräusche mich dazu brachten, mich umzusehen. Die naheliegende Autobahn produziert einen ununterbrochenen Geräuschteppich, der jede Wahrnehmung erschwert. Hannelore sagte mir später, ich hätte am Telefon erwähnt, daß Frici noch einen Moment geschwommen sei. Nach meiner jetzigen Erinnerung aber ist Frici sofort versunken.

Jedenfalls rannte ich sofort los. Lucia bewegte sich von dem Geschehen weg, Robbie rannte neben mir her, Max folgte uns etwas langsamer. An der vermutlichen Stelle des Absturzes von Frici angelangt, wollte Robbie ohne Zögern die Böschung hinabspringen. Ich musste dies unterbinden, hielt Robbie am Geschirr fest, nestelte eine Roll-Leine aus der Jackentasche (das Mistding hatte sich jedoch irgendwie festgehakt, ich musste mehrmals daran reissen), ich leinte Robbie an und schlang die Leine mehrmals um einen in der Nähe liegenden großen Stein. Max erreichte uns, lief an uns vorbei, und entfernte sich von uns. Dann ging ich in den Graben.

Ich will hier nicht das ganze Geschehen niederschreiben. Ich will mich hier auch nicht rechtfertigen. Mir geht es darum, daß von dem Moment an, nachdem ich Robbie gesichert hatte, ich ein Stück des letzten Weges von Frici nachvollziehen musste, unter der Regieführung der vorhandenen Sachzwänge, oder des Schicksals, oder wie man immer diese Strippenzieherei nennen will.

Ich ging in den Graben: das heißt, ich rutschte mehr, als ich ging, dieses steile, glitschige Gemisch aus aufgeweichtem Lehm und dünnem, matschigen Gras hinunter. Ein kurzer, für mich nicht endenwollender Moment des Gefühls der Hilflosigkeit. Merkwürdigerweise versuchte ich, mir vorzustellen, wie ich dort jemals wieder hochkommen sollte. Es kam die Wasserlinie, ich wusste nicht, wie tief denn wohl dieser Graben noch sein könnte. Ich versank bis zur Brust in der trüben Brühe. Die Füsse steckten am Grund des Grabens in einer bis zu den Knöcheln reichenden, zähen, klebrigen Matschschicht. Nur mit großer Mühe konnte man einen Fuß aus diesem Matsch heben, um einen Schritt machen zu können. Es schien, als würde man am Grund des Grabens festgehalten werden. Mit dem ersten Schritt kam das Gefühl der unbarmherzigen Kälte des Wassers. Um meine Brust legte sich eine eisige, abschnürende Klammer. Mit dem vierten Schritt ertastete ich mit dem rechten Bein den Körper von Frici. Ich konnte ihn mit dem Fuß anheben, und bekam ihn dann mit den Händen zu fassen. Ich hob ihn über die Wasserlinie, vermeinte noch Leben in ihm zu verspüren, war jedoch erfüllt von einer grenzenlosen Hilflosigkeit und Lähmung. Dieser Graben war ein eiskaltes, lebensfeindliches, unbarmherziges Grab. Es war unendlich schwer, mit Frici auf dem Arm die Böschung hinaufzukriechen. Sein Körper war so schwer und schlaff, die Last zog mich immer wieder hinunter. Auf der Böschung vermeinte ich zu spüren, daß alles Leben aus dieser schlaffen Hülle, die einmal Frici war, wich.

All meine wohl hilflosen Bemühungen, Frici ins Leben zurückzuholen, waren vergeblich. Ich kann mich kaum noch erinnern, wie ich die mittlerweile weit entfernten Lucia und Max zurückholte. Mein Körper schmerzte, ganz ähnlich wie bei meinem ersten Infarkt im März. Waren es die Anstrengungen, die Kälte, der Schrecken des Erlebten?

Das Schicksal - oder die Gegebenheiten vor Ort - hatten mich dazu verurteilt, ein Stück des gleichen Weges zu gehen wie Frici: Die Böschung hinunter, ins eiskalte Wasser hinein, ich musste einen Hauch der Lebensfeindlichkeit und der Hilflosigkeit verspüren, dieses merkwürdige Gefühl des Festgehaltenwerdens, ein wenig des Abschnürens des Brustkorbes mit der Angst, zu ersticken. Und da ist jene hoffnungslose Einsamkeit, niemand war da, um zu helfen, um die Angst zu teilen.

All dies machte mich in der folgenden Zeit sprachlos, zwang mich, das Erlebte zu sortieren, die Bilder, die mir ständig vor Augen sind, zu verarbeiten, und über Sinn oder Unsinn all dieser Geschehnisse zu grübeln.

Die Zeit der Sprachlosigkeit ist vorbei. Es muß mal heraus, was da geschah, an jenem 2. Dezember. Lange habe ich gezögert, darüber zu schreiben, habe immer alles nur in mich hineingefressen. Aber es frisst mich von innen auf.

Es bleibt die Erinnerung an Frici mit all seinen Schrullen und Eigenheiten, seiner unerschütterlichen Sanftmut und seinen rätselhaften Schwankungen zwischen Debilität und Weisheit. Und mir bleibt die Hoffnung - nein, die Gewissheit - , ihn irgendwann und irgendwo wiederzusehen.





Nachdenkliche Grüße
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BeitragThema: Re: Frici   Do 10 Jul 2008 - 5:37

Ach Peter,ich habe am ganzen Körper Gänsehaut.Welch Tragik,ich kann es mir kaum vorstellen.
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Sabine
Modilinchen
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BeitragThema: Re: Frici   Do 10 Jul 2008 - 5:41

Ich will mir das gar nicht wirklich vorstellen..

Mir reicht das ja schon als unsere Momo verschwunden war.. Hätte Maria sie nicht in dieser Spalte im Abhang entdeckt wäre sie am nächsten spätestens übernächsten Tag tot gewesen und irgend wann hätte die riesen Schaufel von dem RheinBraun Bagger sie unter sich begraben..


Sabine
Ich kann nicht alle Hunde dieser Welt retten, aber dafür die ganze Welt eines Hundes!

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DoLuma
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BeitragThema: Re: Frici   Do 10 Jul 2008 - 5:54

Das ist ja Horror pur!
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Blueangel
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BeitragThema: Re: Frici   Do 10 Jul 2008 - 6:43

Hallo Peter,
ich würd dir jetzt gerne was sinnvolles schreiben, aber mir fehlen einfach die Worte. Das einzige was ich machen kann ist dich einfach mal ganz fest zu drücken.

Und für Frici zünd ich ne Kerze an damit er sehen kann wieviele Menschen an ihn denken.
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Silke
Admina
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BeitragThema: Re: Frici   Do 10 Jul 2008 - 8:37

ach Peter 179

ich hab diese Geschichte von Frici vorhin schon gelesen und ich fand keine passenden Worte. Diese Worte hab ich bisher noch nicht gefunden, wahrscheinlich weil es sie nicht gibt ..

es muss für Euch alle ein grauen gewesen sein.. und ich mag mir das gar nicht vorstellen..
und ich weiß leider auch nicht, wie ich Dir den Schmerz und das Leid dieses Erlebnises schmälern könnte.. fühl Dich bitte ganz lieb gedrückt !

Und für Frici ist dieses Licht


es soll Dich auf allen Wegen begleiten ! Auch wir denken an Dich, an Euch !


in meinem Herzen........
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BeitragThema: Re: Frici   So 13 Jul 2008 - 2:47

Peter, mit Tränen in den Augen las ich Deine Schilderung.

Sie erinnerte mich erneut an das Grauen, das ich 99 empfand und an die Sprachlosigkeit, das Sichnichtmitteilenkönnen und -wollen danach, das Grübeln nach dem Warum...

179 , Ili
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BeitragThema: Re: Frici   So 13 Jul 2008 - 5:10

Peter, auch mir fehlen die Worte, ich fang sofort an zu grübeln.
Vielleicht liege ich falsch, aber für mich lese ich Schuldgefühle heraus. Es geht nicht darum, dass Geschehen zu vergessen, aber wie soll man es für sich selbst verarbeiten? Vielleicht hilft Dir ja das aufschreiben, eine Erklärung wird es nie geben, aber Du kannst daran auch nicht zugrunde gehen!

Elke
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pepito
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BeitragThema: Re: Frici   Mo 21 Jul 2008 - 2:09

Lieber Peter,
erst heute habe ich von Frici glesen.Darüber werde ich sicherlich noch länger nachdenken.Es ist so grausam,so traurig und auch mir fehlen die Worte um mich richtig auszudrücken.
Du konntest es nicht verhindern.Bei aller Vorsicht und Aufmerksamkeit ist es nicht möglich ständig alles zu jeder Zeit 'imAuge' zu haben.
Man nennt es wohl Schicksal,höhere Macht ,wie auch immer.Es ist etwas,was ohne unser Zutun unser Leben entscheidend verändert.Gleichgültig ob es uns gefällt,müssen wir es akzeptieren wie grausam es auch ist.....wir sind hilflos.
Du wirst aber gebraucht....denk' an die vielen Nasen die noch auf Deine Hilfe warten.Lieben Gruß,Gabi.
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Tita
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BeitragThema: Re: Frici   Mo 21 Jul 2008 - 5:40

Das solche Dinge geschehen,ist grausam und unbegreiflich.
Das das Leben danach weitergeht, erscheint unglaublich...aber es ist eine Gnade,das es so ist.
Vergessen kann man sowas nicht und das ist auch gut so.
Ich hoffe aber,Du kannst Dir selbst verzeihn,denn ich lese in Deinen Zeilen,das Du Dir irgendwie die Schuld daran gibst.
Vor 4 Jahren ist unser Irisch Setter in meinen Armen gestorben.Als der TA kam stand der knapp 8 jährige Rüde stolz und wedelnd im Hof.Nichts ließ erahnen,das er krank war.
Wochen vorher hatten seine Anfälle begonnen,mit Bewegungsstörungen,Bewußtlosigkeiten,später hat er alles gefressen...Steine,ganze Stöcke,Erde in Massen,Plaste...alles.
Schreiend mit hervorgetretenen Augen ist er umgefallen und hat um sich gebissen.
Die Anfälle wurden häufiger und länger,aber danach war er wieder unser Rocky.
Medikamente haben nicht angesprochen,der Verdacht auf Hirntumor sich nicht bestätigt.
Am 7.7.2004 hab ich den TA angerufen und am Abend ein Grab gegraben.
Noch heute seh ich den wunderschönen sanftmütigen braunen Hund ,wie er in unserer Küche liegt,tot...und ich hab das Urteil gesprochen...vielleicht zu früh.
Es ist schwer,sich selbst zu verzeihen...unsere Hunde haben es sicher längst getan.
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